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Stadtplan in Roman verarbeitet
Der Roman „Die Unvollendeten“ von Reinhard Jirgl ist eine Mischung aus Fiktion und Biografie. Die Handlung ist teilweise in Salzwedel angesiedelt, das im Buch Birkheim heißt. Hier ist Jirgl aufgewachsen.
Dass der Schriftsteller die Hansestadt in seinem Roman umtaufte, verwundert auf den ersten Blick. Denn alle anderen Orte behielten ihren Namen: Magdeburg, Stendal, sogar das kleine Dorf Schieben heißt in „Die Unvollendeten“ Schieben. „Ich musste Handlungen nach Salzwedel verlegen, die hier nicht passiert sind“, erklärt Jirgl. Also erfand er Birkheim, einen Ort, den es nicht gibt, frei von jedlicher Bedeutung. Wobei das nicht ganz korrekt ist. Der Name Birkheim ist für Jirgl eine Anspielung auf Pirkheimer, den Humanisten und Freund Dürers.
Jirgl, 1953 in Berlin geboren, lebte bis zu seinem 10. Lebensjahr bei seiner Großmutter in Salzwedel am Bahnhof. Er besuchte die Heine-Schule, bis ihn seine Mutter wieder nach Berlin holte. Ein jäher Bruch, in dem Jirgl heute einen Auslöser für seine schriftstellerische Arbeit sieht.
Obwohl Salzwedel in „Die Unvollendeten“ einen anderen Namen trägt, ist die Stadt auf besondere Weise präsent. Rathausturmplatz, Burgstraße, Altperverstraße, Friedensring, Braunschweiger Straße, Comenius-Schule und natürlich der Kleinbahnhof: Alle spiegeln sich wider. Jirgl hat einen alten Stadtplan aus seinem Heimatkunde-Unterricht ausgegraben. Die Länge der Straßenzüge und einzelner Gebäude ließ er umrechnen in Textzeichen und schrieb Absätze entsprechender Länge.
In „Die Unvollendeten“ erzählt Jirgl die Geschichte seiner Urgroßmutter, Großmutter, ihrer Schwester und seiner Mutter. Vertrieben aus dem Sudetenland, landeten die Frauen in der Altmark, zunächst in Schieben, später zogen sie nach Salzwedel. Fakten (er hat Gespräche mit seiner Großmutter auf Tonband aufgenommen), die sich im Roman mit Fiktion mischen.
„Die Unvollendeten“ ist für Jirgl ein besonderes Buch, nicht nur wegen des biografischen Hintergrundes. Die Erstauflage des in diesem Jahr erschienenen Romans war vergriffen. Eine zweite Auflage wurde gedruckt. Ein Novum für Jirgl, der mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Literaturpreis der Stadt Marburg sowie dem Berliner Literaturpreis, der Johannes-Bobrowski-Medaille und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde.
In wenigen Wochen ist Jirgl wieder in Salzwedel zu Gast. Während der Literaturtage Sachsen-Anhalts wird er eine Lesung gestalten, jedoch nicht einfach aus einem seiner Romane rezitieren, sondern Textpassagen neu zusammenstellen. 04.07.2003
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